20 Rupien und ein kleiner Moment Wärme
20 Rupien und ein kleiner Moment Wärme
28. September 2026
Seit einiger Zeit fällt mir auf der Howrah Bridge immer wieder ein älterer Mann auf. Ich schätze, dass er fast 70 Jahre alt ist. Er lebt dort auf der Straße und scheint immer mehr in seiner eigenen Welt zu sein. Seine Haare und sein Bart sind lang und ungepflegt, manchmal spricht er mit sich selbst. Ich weiß nicht, was seine Geschichte ist und ich weiß auch nicht, ob er vielleicht verwirrt ist. Aber ich sehe ihn immer wieder.
Heute hat es in Kolkata aus Kübeln geregnet. Die Menschen drängten sich über die Brücke, Autos und Busse schoben sich durch den Verkehr und mittendrin saß dieser alte Mann. Völlig durchnässt, zusammengekauert und zitternd vor Kälte. Eigentlich ist es in Kolkata warm. Aber wenn man völlig durchnässt auf dem kalten Boden sitzt, fühlt sich das offensichtlich ganz anders an. Ich sah ihn dort sitzen und plötzlich stand für mich fest: Ich kann nicht einfach weitergehen.
Also habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen. Denn man weiß nie, wie ein Mensch reagiert, wenn man ihn einfach anspricht. Gerade wenn man seine Situation nicht kennt. Ich hatte genau 20 Rupien bei mir – vielleicht 20 Cent. Mehr nicht. Aber hier können 20 Rupien schon etwas bewirken. Einen warmen Chai und zwei Bananen zum Beispiel. Außerdem hatte ich noch zwei Rollen Kekse dabei, die eigentlich für Kinder gedacht waren, die ich heute aber nicht getroffen hatte.
Ich ging zu ihm, ging vor ihm in die Hocke und sprach ihn an. Und seine Reaktion werde ich so schnell nicht vergessen. Er grüßte mich sofort freundlich, legte seine Hand auf meinen Kopf und segnete mich. Dann hielt er meine Hand. Er freute sich über die Kekse und über die 20 Rupien, als hätte ich ihm etwas ganz Besonderes geschenkt. Wir konnten uns nur ein kleines bisschen unterhalten, denn mein Hindi reicht noch nicht für solche Gespräche. Ich fragte ihn auch, warum er keine Schuhe trägt. Seine Antwort habe ich leider nicht ganz verstanden.
Aber manchmal muss man auch nicht alles verstehen. Ich habe verstanden, dass ich morgen wiederkommen möchte.
Ich möchte ihm Schuhe bringen. Etwas zu essen. Bananen. Trinkwasser. Und ein bisschen Geld, damit er sich vielleicht selbst etwas kaufen kann, was er gerade braucht oder gerne hätte. Es ist nicht viel. Eigentlich ist es erschreckend wenig angesichts dessen, was dieser Mann wahrscheinlich jeden Tag erleben muss. Und genau das beschäftigt mich.
Manchmal wünschte ich, ich könnte mehr tun. Eine warme Unterkunft anbieten. Einen sicheren Ort. Medizinische Versorgung. Ein richtiges Zuhause. Aber ich kann nicht alle Probleme dieser Welt lösen. Ich kann nur das tun, was gerade in meiner Hand liegt.
Heute waren es 20 Rupien, zwei Rollen Kekse und ein bisschen Zeit.
Und vielleicht war es für ihn mehr als DAS. Denn eigentlich war es auch ein Geschenk an mich. Dieser alte Mann hätte mich wegschicken können. Er hätte misstrauisch sein können. Er hätte mich ignorieren können. Stattdessen hat er meine Hand genommen und mich gesegnet.
Ich weiß nicht, wohin unsere Wege führen werden. Ich weiß nicht, wie seine Geschichte aussieht und was er morgen brauchen wird. Aber ich weiß, dass ich mich auf die nächste Begegnung freue.