50 Rupien für eine Frau
50 Rupien – was ist eine Frau wert?
11. Oktober 2026
Manchmal braucht es einen zweiten Blick, um zu verstehen, was man eigentlich sieht.
Ich bin in Kalighat unterwegs, einem Stadtteil von Kolkata. Überall herrscht buntes Markttreiben. Menschen kaufen ein, Händler bieten ihre Waren an, es wird gehandelt und gerufen. Zunächst fällt mir nichts Besonderes auf. Dann entdecke ich die Frauen, die vor den Essensständen auf Plastikstühlen sitzen. Sie tragen kräftigen Lippenstift. Irgendetwas daran erscheint mir ungewöhnlich. Ich frage mich, was es damit auf sich hat. Priti bestätigt schließlich meine Vermutung: Es sind Frauen, die hier ihre sexuellen Dienstleistungen anbieten.
Und dann erfahre ich den Preis. 50 Rupien. Etwa 50 Cent.
Ich muss diese Zahl erst einmal sacken lassen. Ein einfaches Oberteil auf dem Markt kostet ungefähr 150 Rupien. Selbst ein kleines Plastikauto für Kinder kostet rund 100 Rupien. Für 50 Rupien kann ein Mann Zugang zum Körper einer Frau bekommen. Dieser Gedanke lässt mich nicht los. Ich stehe inmitten des geschäftigen Marktes und frage mich, was dieser Preis über den Wert aussagt, den eine Gesellschaft einer Frau beimisst. Was bedeutet es, wenn der Körper einer Frau für so wenig Geld verfügbar erscheint? Wie viel Selbstbestimmung bleibt ihr? Welche Rolle spielen Armut, Abhängigkeit und die Möglichkeiten, die ein Leben bietet?
Ich kenne die Antworten nicht. Ich kenne die Frauen nicht, die dort sitzen. Ich weiß nichts über ihre persönlichen Geschichten und darüber, wie sie ihren Alltag erleben. Trotzdem bleiben diese Fragen in meinem Kopf. Es sind Gedanken, die mich auch beschäftigen, weil ich in Kolkata immer wieder wahrnehme, wie gefährlich das Leben für Frauen sein kann. Gewalt gegen Frauen gehört für viele zum Alltag. Auch ich überlege, wann ich das Hotel verlasse und welche Wege ich allein gehe. Gerade am Abend verändert sich die Atmosphäre. Ich bin vorsichtiger und merke, wie selbstverständlich ich es aus meinem Leben in Deutschland gewohnt bin, mich frei bewegen zu können.
Und dann denke ich an die Mädchen. An die Mädchen, die hier aufwachsen, an ihre Zukunft und an die Möglichkeiten, die ihnen offenstehen. Die Geschichte des amputierten Mädchens, die mich in diesen Tagen so sehr bewegt, bekommt in meinen Gedanken einen weiteren Zusammenhang. Jedes dieser Mädchen hat ein eigenes Leben, eine eigene Geschichte und eine Zukunft verdient. Wie diese Zukunft aussieht, hängt auch davon ab, welchen Schutz, welche Chancen und welchen Stellenwert Mädchen und Frauen in ihrem Umfeld erfahren.
Ich komme aus einer anderen Gesellschaft. Auch bei uns gibt es Gewalt, Abhängigkeiten und Ungerechtigkeit. Und doch merke ich, wie sehr mich diese Beobachtungen hier beschäftigen. Vielleicht gerade deshalb, weil ich die Dinge nicht einfach einordnen kann und manche Fragen noch lange in mir arbeiten. Ich bin nach Kolkata gekommen, um Menschen zu behandeln, Schmerzen zu lindern und dort zu helfen, wo ich gebraucht werde. Die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge kann ich in vier Wochen nicht verändern. Ich kann sie auch nicht vollständig verstehen. Aber ich nehme diese Fragen mit nach Hause.
Was bedeutet Würde? Was bedeutet Selbstbestimmung? Und wie gehen wir als Gesellschaft mit Frauen und Mädchen um? Vielleicht gibt es auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Vielleicht muss ich sie erst einmal mit nach Hause nehmen und weiter darüber nachdenken. Eines aber weiß ich: Die 50 Rupien werde ich so schnell nicht vergessen. Und ich frage mich, wie eine Welt aussehen müsste, in der der Wert einer Frau für niemanden mehr infrage steht.