Brückenpraxis

Ein Lastenkarren als Behandlungsliege - eine Herzenspraxis unter der Brücke

11. Oktober 2026

Es ist sechs Uhr morgens in Kolkata. Die Stadt erwacht langsam, der Verkehr nimmt Fahrt auf, und unter der Howrah-Brücke beginnt mein Arbeitstag. Meine Behandlungsliege ist ein einfacher Lastenkarren. Darauf behandle ich Menschen, die mit Schmerzen, Verletzungen und vielen körperlichen Beschwerden zu mir kommen. Meine kleine Brückenpraxis ist längst zu einem ganz besonderen Ort für mich geworden.

Als ich zum ersten Mal hierherkomme, bin ich noch ein wenig schüchtern. Wie werden die Menschen reagieren? Werden sie mich ansprechen und mir vertrauen? Doch die Männer erkennen mich schnell an meinem roten Rettungsrucksack, auf dem ein Schild in Hindi erklärt, dass ich therapeutische Hilfe anbiete. Sie kommen auf mich zu, erzählen mir von ihren Beschwerden und zeigen mir, wo es schmerzt. So finde ich Schritt für Schritt meinen Platz unter der Brücke.

Die meisten meiner Patienten arbeiten körperlich unglaublich hart. Sie sind Rikscha-Fahrer, Lastenträger, schieben schwere Lasten auf Lastenfahrrädern oder arbeiten als Tagelöhner in den nahegelegenen Fabriken. Viele schlafen auf der Straße und müssen jeden Tag aufs Neue dafür sorgen, dass sie genug Geld zum Leben verdienen. Ihre Arbeit hinterlässt deutliche Spuren. Rücken, Knie, Schultern und Muskeln sind oft stark überlastet. Bei meinen Behandlungen spüre ich, wie viel diese Menschen ihren Körpern täglich abverlangen.

Viele kommen wegen ihrer Schmerzen zu mir. Andere benötigen Hilfe bei Wunden, die häufig durch Unfälle im chaotischen Straßenverkehr Kolkatas entstehen. Ich versorge Verletzungen und kümmere mich auch um Amputationsstümpfe. Jeder Morgen bringt neue Menschen und neue Geschichten mit sich.

Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass ich an manchen Vormittagen beinahe 30 Patienten behandle. Und das alles, bevor um zehn Uhr meine eigentliche Praxis in der Schule in Howrah beginnt. Die Menschen kommen oft direkt nach dem Aufstehen zu mir. Sie lassen sich behandeln und machen sich anschließend auf den Weg zu ihrer Arbeit. Für viele bedeutet das, dass sie mit etwas weniger Schmerzen in ihren anstrengenden Tag starten können.

Mit der Zeit entwickelt sich unter der Brücke eine ganz eigene Organisation. Einer meiner Patienten, dem es nach den Behandlungen besser geht, unterstützt mich dabei mit großer Freude. Er spricht die anderen Männer an, erkundigt sich nach ihren Beschwerden und hilft, die Reihenfolge zu koordinieren. Er achtet darauf, dass alle warten, bis sie an der Reihe sind, und niemand übergangen wird. So habe ich ganz unkompliziert eine kleine Sprechstundenassistenz bekommen, die mir den Praxisalltag deutlich erleichtert. Auch die Polizei vor Ort unterstützt meine Arbeit und ist mit den Behandlungen unter der Brücke einverstanden.

Was mich besonders berührt, ist die Vertrautheit, die hier entsteht. Morgens warten die ersten Patienten bereits auf mich. Menschen, die mir auf der Brücke begegnen, erkennen mich wieder und grüßen mich schon von Weitem. Viele winken mir zu, wenn sie mich sehen. Aus den ersten vorsichtigen Begegnungen werden vertraute Gesichter, und ich merke, wie sehr ich mich selbst auf diese Morgen freue.

Und dann ist da noch der Chai. Immer wieder spendieren mir die Männer einen heißen Tee. Manchmal steht auch schon eine Flasche kaltes Wasser für mich bereit. Sie denken an mich, kümmern sich um mich und sorgen dafür, dass ich bei der Arbeit unter der Brücke gut versorgt bin. Diese kleinen Gesten bedeuten mir unglaublich viel. Ich komme hierher, um den Menschen zu helfen, und erlebe gleichzeitig so viel Herzlichkeit und Fürsorge.

Um sechs Uhr morgens, mitten im geschäftigen Kolkata, entsteht hier eine besondere Gemeinschaft. Auf meinem Lastenkarren behandle ich Menschen, die körperlich viel leisten und oft wenig Gelegenheit haben, sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Zwischen Verkehrslärm, Beton und dem geschäftigen Treiben nehmen wir uns einen Moment Zeit für ihre Beschwerden. Ich kann Schmerzen lindern, Wunden versorgen und den Menschen ein wenig Erleichterung verschaffen.

Wenn ich morgens unter der Brücke stehe und die vertrauten Gesichter sehe, spüre ich, wie viel mir dieser Ort bedeutet. Die Brückenpraxis wächst mit jedem Tag ein Stück weiter. Die Menschen kommen, bringen andere mit, unterstützen mich und machen diesen ungewöhnlichen Praxisplatz zu etwas ganz Besonderem.

Meine Brückenpraxis ist eine echte Herzenspraxis. Sie zeigt mir jeden Morgen, wie viel Vertrauen, Wärme und Verbundenheit zwischen Menschen entstehen können. Und sie erinnert mich daran, warum ich diese Arbeit so gerne mache: weil jeder Mensch es verdient, mit seinen Schmerzen gesehen und ernst genommen zu werden – ganz gleich, wo er lebt und wie viel er besitzt.