Straßenkinder
Die Straßenkinder, an denen alle vorbeigehen
11. Oktober 2026
In der Nähe der Howrah Bridge leben große Familien direkt auf dem Bürgersteig. Ohne Hütte, ohne geschützten Raum, mitten im Straßenverkehr. Ihre wenigen Habseligkeiten liegen am Straßenrand, ihre Schlafplätze befinden sich dort, wo andere Menschen täglich vorbeigehen. Viele Kinder wachsen unter diesen Bedingungen auf. Die Familien leben vom Betteln und versuchen, sich irgendwie durch den Alltag zu bringen.
Ich begegne diesen Familien während meiner Arbeit in Kolkata. Als ich morgens gebeten werde, die Wunden eines kleinen Mädchens zu versorgen, ahne ich zunächst nicht, wie sehr mich diese Begegnung beschäftigen wird.
Bei der Untersuchung sehe ich, dass dem Mädchen zwei Finger amputiert worden sind. Ich frage nach, versuche zu verstehen, was passiert ist. Doch niemand kann mir erklären, warum die Finger fehlen. Ein Verkehrsunfall ist es nicht, eine Infektion ebenfalls nicht. Eine Antwort bekomme ich nicht.
Diese offene Frage lässt mich nicht los. Ich möchte verstehen, was diesem Kind widerfahren ist. Gleichzeitig weiß ich, wie wichtig es ist, behutsam vorzugehen. Ich bin hier, um zu helfen, und dafür brauche ich das Vertrauen der Familie. Ich möchte die Menschen nicht mit Fragen bedrängen, sondern zunächst das tun, weshalb sie mich zu sich lassen: die Wunden versorgen und mich um das Mädchen kümmern.
Und tatsächlich gelingt es mir, langsam Vertrauen aufzubauen. In den folgenden Tagen darf ich weitere Kinder behandeln. Ich sehe kleine und größere Wunden, Verletzungen, die im gefährlichen Straßenverkehr schnell entstehen können. Die Kinder bewegen sich zwischen Fahrzeugen, Menschen und dem hektischen Treiben der Stadt. Immer wieder kommt es zu Unfällen, und die Kleinsten tragen die Folgen.
Ich bin froh, dass ich helfen darf. Dass die Familien mich an sich heranlassen, mir ihre Kinder anvertrauen und meine Behandlung zulassen, bedeutet mir viel. Denn ich weiß, wie außergewöhnlich dieser Zugang ist. Diese Menschen leben am äußersten Rand der Gesellschaft. Sie sind es offenbar gewohnt, übersehen zu werden und mit ihren Sorgen allein zu bleiben.
Das erlebe ich auch ganz unmittelbar während meiner Behandlungen. Wenn ich in Kolkata Menschen auf der Straße versorge, bildet sich häufig schnell ein Kreis von Schaulustigen. Die Menschen bleiben stehen, beobachten, fragen und nehmen Anteil. Hier, bei diesen großen Familien in der Nähe der Howrah Bridge, ist es anders. Die Menschen gehen einfach weiter. Kaum jemand bleibt stehen. Kaum jemand schaut hin.
Es ist ein stiller, bedrückender Moment. Mitten im geschäftigen Treiben der Stadt sitzen diese Familien mit ihren Kindern am Straßenrand, und das Leben um sie herum geht weiter, als wären sie gar nicht da.
Besonders das Schicksal des kleinen Mädchens beschäftigt mich. Dass zwei Finger fehlen und niemand mir sagen kann, warum, wirft Fragen auf, auf die ich keine Antwort habe. Ich möchte keine Vermutungen als Tatsachen darstellen. Ich weiß nicht, was geschehen ist. Aber ich weiß, dass ein Kind mit einer solchen Verletzung besondere Aufmerksamkeit und Schutz verdient. Und ich wünsche mir, dass genau hingeschaut wird, wenn etwas unerklärlich bleibt.
Für mich steht zunächst im Vordergrund, dass ich wiederkommen darf. Dass ich die Kinder weiter versorgen und den Familien zeigen kann, dass sie mir vertrauen können. Vertrauen entsteht nicht über Nacht. Es wächst durch wiederholte Begegnungen, durch verlässliche Hilfe und durch das Gefühl, ernst genommen zu werden.
Ich kann die Armut dieser Familien nicht beseitigen und ich kann nicht alle Gefahren von der Straße nehmen. Aber ich kann ihre Wunden versorgen, Schmerzen lindern und ihnen mit Respekt begegnen. Ich kann mich zu ihnen setzen, auch wenn andere vorbeigehen.
Und ich kann dafür sorgen, dass diese Kinder für mich keine unsichtbaren Kinder sind.