Nicht sichtbar heißt nicht, dass es nicht da ist

Nicht sichtbar heißt nicht, dass es nicht da ist

17. September 2026

Zum zweiten Mal waren wir mit unserem NaMo – NaturheilMobil am Viehofer Platz in Essen. Und auch wenn ich natürlich weiß, dass es Drogenabhängigkeit gibt und dass sie mitten unter uns stattfindet, ist es doch etwas völlig anderes, wenn man unmittelbar danebensteht und erlebt, wie sehr diese Sucht das Leben eines Menschen bestimmen kann.

Auf offener Straße wurde gedealt und konsumiert. Was mich bei diesem Besuch besonders getroffen hat, war die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der sich alles abspielte. Betteln, Drogen beschaffen, konsumieren und wieder los – für vieles andere schien kaum noch Zeit zu bleiben.

Wir haben Menschen angesprochen, die wir dort bereits als unsere Patienten kennen. „Hey, können wir etwas für dich tun? Brauchst du etwas?“ Doch selbst für eine Behandlung war kaum Zeit. Auch Dinge, die wir sonst gerne mitbringen, wie Hygienetücher, Vitamine oder andere kleine Hilfen, waren in diesem Moment kaum interessant. Der Druck, möglichst schnell wieder Drogen zu beschaffen, war einfach größer. Gummibärchen gingen noch. Und Kleidung.

Als wir erzählten, dass unser NaMo gleich um die Ecke auf dem Parkplatz steht und wir Kleidung an Bord haben, kamen einige mit. Die Menschen liefen so schnell zurück, dass ich Mühe hatte, hinterherzukommen. Auch auf NaMo musste es schnell gehen. Eine Hose, eine Jacke, ein Pullover – kaum Zeit zum Anprobieren, kaum Zeit für ein Gespräch.. Und dann drehte sich einer von ihnen, schon fast im Weglaufen, noch einmal zu mir um und rief: „Danke, danke! Ihr seid ein Schatz!“ Dann war er verschwunden. Dieser kleine Moment ist mir trotzdem geblieben.

Aber es gab noch eine andere Begegnung, die mich an diesem Tag besonders erschüttert hat. Wir entdeckten einen Mann im Rollstuhl, über dessen Beinen eine Wolldecke lag. Erst als wir miteinander ins Gespräch kamen, erzählte er uns von seinen Wunden. Als er die Decke anhob, sahen wir seine Beine: große, offene und entzündete Wunden.

Natürlich wollten wir ihm helfen. Ein Krankenhausaufenthalt kam für ihn jedoch überhaupt nicht infrage. „Ich muss beschaffen. Ich muss meine Drogensucht hinbekommen. Wie soll das im Krankenhaus gehen?“ Dieser Satz hat mich sehr beschäftigt. Denn selbst wenn der Körper längst deutliche Grenzen zeigt, kann der nächste Schritt zur Droge für einen suchtkranken Menschen wichtiger erscheinen als die eigene Gesundheit.

Ich bot ihm an, die Wunden wenigstens ganz notdürftig zu verbinden, damit nicht noch mehr Schmutz hineingelangen konnte. Aber selbst dafür hatte er keine Zeit.

„Keine Zeit. Keine Zeit.“ Er musste weiter. Beschaffen, betteln, konsumieren und wieder beschaffen.

Ich stand dort und wusste in diesem Moment nicht, was mich mehr berührte: die offenen Wunden an seinen Beinen oder die Erkenntnis, dass selbst diese Wunden für ihn offenbar nicht mehr wichtig genug waren, um innezuhalten.

Genau hier wird für mich sichtbar, was die Straße und die Sucht mit einem Menschen machen können. Nicht, weil diese Menschen nicht wollen. Nicht, weil ihnen ihr eigenes Leben egal ist. Sondern weil eine Abhängigkeit irgendwann eine solche Macht bekommen kann, dass selbst Schmerzen, offene Wunden und dringend notwendige medizinische Hilfe in den Hintergrund treten.

Das ist schwer auszuhalten.

Und trotzdem möchte ich bei solchen Begegnungen nicht zuerst die Sucht sehen. Ich möchte den Menschen sehen, der dahintersteht. Einen Menschen, der friert, Schmerzen hat, dessen Körper längst seine Grenzen zeigt und der vielleicht einfach nur für einen kurzen Moment das Gefühl haben möchte, dass ihn jemand wahrnimmt.

Wir können die Sucht nicht mit einer Hose, einem Verband oder ein paar Gummibärchen beenden. Wir können die Probleme dieser Menschen nicht innerhalb eines kurzen Besuchs am Viehofer Platz lösen. Aber wir können da sein. Wir können zuhören, wir können kleine Dinge anbieten und wir können einen Menschen auch dann noch sehen, wenn sein Leben gerade von der Sucht bestimmt wird.

Denn nicht sichtbar heißt nicht, dass es nicht da ist.

Hinter jedem Menschen, an dem wir vielleicht achtlos vorbeigehen, steckt eine Geschichte. Und manchmal sehen wir nur einen kleinen Ausschnitt davon.

Vielleicht beginnt Hilfe genau dort, wo jemand stehen bleibt, hinschaut und einem anderen Menschen für einen kurzen Moment das Gefühl gibt:

„Wir sehen dich.“ 🧡