Ein Frühstück mitten im Verkehr und ganz viel Wiedersehensfreude
Ein Frühstück mitten im Verkehr und ganz viel Wiedersehensfreude
23. September 2026
Heute war mein erster Tag zurück in Kolkata. Und wenn ich diesen Tag mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es wohl: Wiedersehen.
Wiedersehen mit Menschen, die mir vertraut sind. Mit Straßen, Gerüchen und Gesichtern. Mit einem Stück meines Herzens, das hier in Kolkata geblieben ist.
Kaum hatte ich das Hotel verlassen, begegnete mir bereits ein vertrautes Gesicht. Der Polizist, der mich schon von meinen früheren Aufenthalten kannte, erkannte mich wieder. Und offenbar wusste er noch ganz genau, dass diese sechsspurige Straße für mich eine ziemliche Herausforderung sein kann. Kurzerhand half er mir hinüber. Gott sei Dank! Nach dem langen Flug musste ich mich erst einmal wieder an den Verkehr gewöhnen. Alleine hätte ich mich heute wohl nicht so schnell auf diese Straße gewagt.
Und dann waren da schon die ersten vertrauten Menschen. Auf der Brücke winkten mir einige meiner Patienten zu. Was für eine Freude, sie wiederzusehen!
Ein Frühstück, das mehr bedeutete als jedes Festessen
Eigentlich hatte ich nach dem langen Flug überhaupt keinen Hunger. Deshalb hatte ich auch im Hotel nicht gefrühstückt. Aber dann kam eine Einladung, die ich einfach nicht ablehnen konnte.
Meine Patienten, Menschen, die auf der Straße leben und zu den Ärmsten der Armen gehören, luden mich zum Frühstück ein. Sie haben kein Zuhause, keine Hütte und keinen geschützten Raum, in den sie sich zurückziehen können. Sie schlafen unter freiem Himmel. Und trotzdem wollten sie ihr Essen mit mir teilen.
Eigentlich war es für mich zunächst ungewohnt, einfach auf dem Bürgersteig mit den Händen zu essen. Aber ich war so berührt, wollte mit den Menschen gemeinsam essen und ihre Einladung wirklich annehmen.
Also saß ich da, mitten im bunten Treiben von Kolkata, und übte, den Reis mit Chicken, Ei und Currysauce mit den Händen zu essen. Neben uns, kaum einen halben Meter entfernt, rauschte der Verkehr vorbei. Busse, Rikschas und Autos, Abgase, Hupen und das unaufhörliche Geräusch dieser riesigen Stadt.
Und mittendrin wir. Gemeinsam auf dem Bürgersteig, beim Essen, beim Lachen und beim Wiedersehen.
Ich versuchte, mit meinen wenigen Hindi-Kenntnissen meine Dankbarkeit auszudrücken. Vielleicht waren meine Worte nicht perfekt, aber ich hoffe, dass sie verstanden haben, wie sehr mich ihre Einladung berührt hat. Es war ihre Art, mir zu sagen: „Didi, du gehörst zu uns.“ Und meine Art, ihnen zu sagen: „Danke, dass ihr mich wieder so herzlich aufnehmt.“
Inmitten von Lärm, Abgasen und dem hektischen Verkehr entstand ein kleiner Moment der Verbundenheit.
Hier nennen mich die Menschen liebevoll Didi. Eine vertraute und respektvolle Anrede, die so viel Nähe und Herzlichkeit ausdrücken kann. Und wenn sie mich so nennen, dann geht mir das jedes Mal aufs Neue zu Herzen.
Was kann ein Mensch, der selbst kaum etwas besitzt, einem anderen schenken?Manchmal ist es ein Frühstück auf dem Bürgersteig. Ein Lächeln. Ein Winken. Ein Platz neben sich. Und manchmal ist genau das unendlich wertvoll.
Zurück in meiner alten Straße
Später ging es weiter in meine vertraute Straße, zu der Schule, in der sich auch unsere NoG-Praxis befindet.
Und wieder war da dieses Gefühl: Ich bin zurück. Die Frau, bei der ich immer meine Bananen kaufe. Der Mann, bei dem ich mein Wasser hole. Der Teemann. Die Straßenhändler. Und sogar das alte Hotel, in dem ich früher gewohnt habe.
Viele erkannten mich wieder, winkten mir zu und begrüßten mich. Es sind diese kleinen Begegnungen, die einen Ort zu einem Zuhause auf Zeit machen. Menschen, die man nicht jeden Tag sieht, die aber trotzdem einen Platz im eigenen Herzen bekommen.
Auch in der Schule warteten vertraute Gesichter auf mich: die Lehrer und die Kinder. Und natürlich waren auch die ersten Patienten bereits da.
Die Arbeit beginnt wieder
Die Frauen, die zu uns kommen, leisten jeden Tag unglaublich harte Arbeit. Ihr Alltag ist geprägt von körperlicher Belastung, und viele leiden unter starken Verspannungen, Gelenkschmerzen und anderen Beschwerden.
Mit unseren Behandlungen können wir häufig eine Linderung erreichen. Aber ich weiß auch, dass diese Linderung manchmal nur von kurzer Dauer ist. Denn am nächsten Tag geht die schwere Arbeit weiter. Die Belastung bleibt.
Das ist eine der Herausforderungen unserer Arbeit hier in Kolkata: Wir können Schmerzen lindern, Menschen ein Stück Erleichterung schenken und ihnen Aufmerksamkeit geben. Aber wir können die Lebensumstände nicht mit einer einzigen Behandlung verändern.
Trotzdem ist jede kleine Verbesserung wichtig. Jeder Moment, in dem jemand weniger Schmerzen hat. Jede Begegnung, in der ein Mensch spürt: Ich werde gesehen. Ich bin nicht vergessen.
Ich bin wieder in Kolkata. Und mein Herz ist voller Dankbarkeit.