Heute hat mich Kolkata tief getroffen
Heute hat mich Kolkata tief getroffen
23. September 2026
Manchmal gibt es Tage, an denen man unterwegs ist und plötzlich etwas sieht, das einen tief berührt. Etwas, das sich nicht einfach abschütteln lässt, wenn man wieder im Hotel angekommen ist. So ein Tag war für mich dieser.
Ich war alleine unterwegs, nachdem ich die Howrah Bridge überquert hatte und in Richtung Kolkata City in eine Gegend abgebogen bin, die ich bisher noch nicht kannte. Ich wollte einfach ein Stück laufen, neue Eindrücke sammeln und diese Stadt noch ein bisschen besser kennenlernen.
Was ich dann gesehen habe, hat mich sehr getroffen.
Ein dunkler Tunnel mitten in Kolkata
Ich kam in einen langen, sehr dunklen Tunnel. Ein Ort, der auf den ersten Blick kaum erahnen lässt, dass hier Menschen leben. Und doch ist genau das der Fall.
Menschen arbeiten dort. Sie leben dort. Sie schlafen dort. In der Mitte des Tunnels lag unglaublich viel Müll. Es stank, und überall waren Tiere unterwegs, die zwischen den Abfällen nach etwas Essbarem suchten. Der Regen hatte die Umgebung zusätzlich in Schlamm verwandelt. Es war feucht, dreckig und schwer auszuhalten. Und gleichzeitig war dies für die Menschen dort kein außergewöhnlicher Ort, den sie nur kurz durchqueren. Es war ihr Lebensraum.
Ich stand dort und habe versucht, zu begreifen, wie es sich anfühlen muss, jeden Tag unter solchen Bedingungen zu leben. Wie es ist, wenn es keinen geschützten Rückzugsort gibt, keinen Raum, in dem man sich einfach einmal sicher und geborgen fühlen kann.
Ich möchte dabei nicht so tun, als könnte ich das Leben dieser Menschen aus ein paar Eindrücken heraus vollständig verstehen. Das kann ich nicht. Aber ich kann ehrlich sagen, dass mich das, was ich gesehen habe, tief erschüttert hat. Und dass ich diesen Ort nicht einfach wieder vergessen konnte.
Ein kleiner Markt auf Plastikplanen
Später kam ich an eine weitere Straße. Dort hatten Menschen begonnen, eine Art kleinen Markt aufzubauen.
Auf einfachen Plastikplanen waren kleine Stände entstanden. Ein bisschen Essen wurde angeboten, vielleicht die Möglichkeit, mit einem kleinen Verkauf etwas Geld zu VERDIENEN. Es waren keine großen Geschäfte. Keine aufwendig eingerichteten Verkaufsstände. Es waren einfache Versuche, den Lebensunterhalt zu sichern.
Ich habe Menschen gesehen, die unter schwierigen Bedingungen versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. Menschen, die arbeiten, sich etwas aufbauen möchten und irgendwie über die Runden kommen MÜSSEN. Und ich habe gemerkt, wie sehr mich die Armut hier trifft.
Nicht nur als eine Zahl oder als ein Thema, über das man in Berichten liest. Sondern als etwas, das direkt vor einem steht. Als Menschen, denen man begegnet und deren Lebensbedingungen man unmittelbar wahrnimmt.
Wenn Betroffenheit zu einem Auftrag wird
Ich bin mit dem Wissen nach Kolkata gekommen, dass viele Menschen hier unter großer Armut leben und medizinische Hilfe benötigen. Das ist kein neues Wissen für mich. Aber es gibt einen Unterschied zwischen etwas zu wissen und es mit eigenen Augen zu sehen.
An diesem Tag wurde mir noch einmal besonders deutlich, wie wichtig unsere Arbeit mit der Naturheilpraxis ohne Grenzen ist. Wir möchten Menschen erreichen, die sich eine medizinische Behandlung häufig nicht leisten können. Menschen, die mit Schmerzen, Verletzungen oder anderen gesundheitlichen Problemen leben und für die der Zugang zu Hilfe nicht selbstverständlich ist.
Und während ich durch diese Straßen gelaufen bin, wurde mir klar: Wir müssen versuchen, auch hier medizinische Unterstützung anzubieten. Nicht, weil wir alle Probleme lösen können. Das wäre ein Anspruch, den wir nicht erfüllen könnten. Sondern weil wir dort helfen möchten, wo es uns möglich ist.
Mit unseren Erfahrungen. Mit unseren Materialien. Mit unserer Zeit. Und gemeinsam mit Menschen vor Ort, die die Lebensbedingungen und die Gemeinschaften kennen. Denn ich bin hier nicht zu Hause. Ich kenne nicht jede Straße, nicht jede Lebensgeschichte und nicht jede Situation. Ich kann Eindrücke sammeln, aber ich brauche Menschen, die mir helfen, diese Eindrücke richtig einzuordnen.
Was bleibt, wenn man wieder zurückkommt?
Als ich später wieder im Hotel angekommen bin, war der Tag für mich noch lange nicht vorbei.Ich war körperlich zurück, aber gedanklich noch bei den Menschen, denen ich begegnet war. Bei dem Tunnel. Bei dem Müll. Bei den Tieren, die nach Essen suchten. Bei den einfachen Marktständen und den Menschen, die dort versuchten, etwas zu verdienen.
Ich habe gemerkt, dass mich das Ganze nicht nur emotional, sondern auch körperlich sehr mitgenommen hat. Mir war richtig schlecht. Vielleicht war es die Kombination aus den Eindrücken, dem Geruch, dem Schlamm und der Erkenntnis, dass Menschen unter diesen Bedingungen ihren Alltag verbringen müssen.
Vielleicht war es auch das Gefühl, dass ich so viel sehe und gleichzeitig nicht sofort etwas für alle tun kann. Ich glaube, diese Grenze muss man sich immer wieder bewusst machen. Wir können nicht jeden Menschen erreichen. Wir können nicht jede Not beseitigen. Und wir können nicht aus eigener Kraft eine ganze Stadt verändern.
Aber wir können hinschauen. Wir können zuhören. Wir können uns informieren und versuchen, die richtigen Wege zu finden.
Und wir können gemeinsam mit Menschen vor Ort überlegen, was konkret möglich ist.
Warum wir in Kolkata sind
Unsere Arbeit in Kolkata ist für mich mehr als ein zeitlich begrenzter Aufenthalt, in dem ich einige Menschen behandle und anschließend wieder nach Deutschland zurückreise.
Ich möchte, dass wir langfristig Möglichkeiten schaffen, medizinische Hilfe anzubieten. Dass wir Menschen erreichen, die sonst kaum Zugang zu Unterstützung haben. Und dass wir dabei eng mit den Menschen zusammenarbeiten, die hier leben und die Situation vor Ort kennen.
Dafür braucht es Zeit, Vertrauen und ein gutes Verständnis der jeweiligen Lebensbedingungen.
Und es braucht die Bereitschaft, immer wieder dazulernen. Dieser Tag hat mir gezeigt, wie wichtig genau das ist.
Ich bin mit einem offenen Herzen durch eine mir unbekannte Gegend gelaufen. Ich habe Dinge gesehen, die mich tief getroffen haben. Und ich bin mit vielen Fragen zurückgekommen.
Fragen, die ich nicht alle sofort beantworten kann. Aber eine Sache weiß ich ganz sicher:
Wir müssen versuchen, dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht WIRD. Mit kleinen, konkreten Schritten. Mit Respekt vor den Menschen, denen wir begegnen. Und mit dem Willen, gemeinsam Lösungen zu finden.
Heute hat mich Kolkata tief getroffen.
Und vielleicht ist genau das auch ein Teil dieser Reise: Nicht wegzuschauen, wenn etwas schwer auszuhalten ist. Sondern hinzusehen, zu lernen und sich zu fragen, was man tun kann.
Patient für Patient. Mensch für Mensch. Schritt für Schritt.