Wenn selbst der Weg zur Toilette zu weit wird
Wenn selbst der Weg zur Toilette zu weit wird
23. September 2026
Manchmal sind es nicht die großen Dinge, die einem zeigen, wie schwer das Leben für einen Menschen geworden ist. Manchmal ist es ein ganz alltäglicher Weg. Ein Weg zur Toilette. Ein Aufstehen aus dem Bett. Ein paar Schritte, die für uns selbstverständlich sind, für einen anderen Menschen aber zu einer enormen körperlichen Anstrengung werden.
Gestern waren wir, Priti, Abhijit und ich, wieder bei Hausbesuchen in einem Slum in Kolkata unterwegs. Wir hatten Hinweise von Nachbarn erhalten, die uns auf Menschen aufmerksam machten, denen es gesundheitlich sehr schlecht geht und die gleichzeitig kaum finanzielle Möglichkeiten haben, sich selbst zu versorgen. Eine dieser Begegnungen war die mit einer Frau mittleren Alters, die unter einer stark eingeschränkten Nierenfunktion leidet.
Als wir sie in ihrem Zuhause antrafen, lag sie in ihrem Bett. Sie war sehr schwach, und jede Bewegung schien sie viel Kraft zu kosten. Aufstehen, sich fortbewegen oder zur Toilette gehen – Dinge, die für viele von uns zum Alltag gehören, sind für sie zu einer großen Herausforderung geworden. Dabei muss man die Lebensbedingungen im Slum berücksichtigen: Toiletten gibt es häufig nicht in jedem Haushalt. Manchmal teilen sich die Bewohnerinnen und Bewohner einer Straße eine Toilette, in manchen Gegenden gibt es sogar nur eine für ein größeres Viertel. Der Weg dorthin kann weit sein, und gerade für einen geschwächten Menschen ist er körperlich belastend. Nachts kommt hinzu, dass solche Wege nicht immer ungefährlich sind.
Wenn Krankheit den Alltag bestimmt
Eine stark eingeschränkte Nierenfunktion kann erhebliche Auswirkungen auf den Körper und den Alltag haben. Je nach Ursache und Schwere der Erkrankung benötigen Menschen regelmäßige ärztliche Kontrollen, Medikamente, eine angepasste Ernährung oder gegebenenfalls eine Nierenersatztherapie wie die Dialyse. Welche Behandlung im konkreten Fall notwendig ist, muss ein ärztliches Team beurteilen.
Doch genau hier liegt die Schwierigkeit für diese Frau. Sie hat nur sehr begrenzte finanzielle Mittel. Nach ihren Angaben erhält sie eine gewisse Unterstützung von der Regierung, weil sie inzwischen als Mensch mit Behinderung eingestuft wurde. Diese Unterstützung reicht gerade aus, um ihre Hütte und die Elektrizität zu finanzieren. Den Ventilator und das Licht schaltet sie nur sehr selten ein. Beim Essen ist sie teilweise auf die Hilfe ihrer Nachbarn angewiesen.
Wenn man sich diese Lebensumstände vor Augen führt, wird deutlich, wie wenig Spielraum für zusätzliche Ausgaben bleibt. Medikamente sind bereits eine finanzielle Belastung. Und an eine regelmäßige Dialyse, sofern diese medizinisch erforderlich ist, ist unter diesen Bedingungen kaum zu denken. Es geht hier nicht um die Frage, ob eine Frau sich etwas mehr leisten möchte. Es geht um grundlegende medizinische Bedürfnisse, für die ihr das Geld fehlt.
Wenn Unterstützung nicht ausreicht
Was mich an dieser Begegnung besonders beschäftigt, ist die Diskrepanz zwischen dem, was medizinisch notwendig sein könnte, und dem, was für die Patientin tatsächlich erreichbar ist. Indien hat in vielen Bereichen beeindruckende medizinische Fortschritte gemacht. In Kolkata gibt es Krankenhäuser, qualifizierte Fachkräfte und moderne Behandlungsmöglichkeiten. Doch diese Möglichkeiten erreichen nicht automatisch alle Menschen gleichermaßen.
Gerade Menschen, die in Armut leben, können vor großen finanziellen Hürden stehen. Eine Untersuchung mag stattfinden, eine Verordnung mag ausgestellt werden. Aber wenn das Geld für die Medikamente oder die weiterführende Behandlung fehlt, bleibt die Versorgung unvollständig. Ich möchte dabei nicht pauschal über das gesamte Gesundheitssystem oder einzelne medizinische Fachkräfte urteilen. Dafür kenne ich die unterschiedlichen Versorgungsstrukturen und die konkreten Hintergründe dieser Patientin nicht ausreichend. Aber ich kann benennen, was wir bei unserem Besuch erlebt haben: Eine schwer geschwächte Frau lebt mit einer ernsthaften Erkrankung und verfügt nicht über die finanziellen Möglichkeiten, die sie für ihre weitere Versorgung benötigen könnte.
Und dann steht man daneben und fragt sich: Was kann ich tun?
Meine Fähigkeiten haben Grenzen
Ich kann als Therapeutin mit meinen Fähigkeiten unterstützen. Ich kann Menschen behandeln, Beschwerden lindern, Beweglichkeit fördern und Wunden versorgen. Aber ich kann keine eingeschränkte Nierenfunktion durch Osteopathie oder manuelle Therapie beheben. Ich kann keine Dialyse ersetzen und keine fachmedizinische Versorgung leisten, die möglicherweise dringend benötigt wird.
Diese Erkenntnis ist manchmal schwer auszuhalten. Denn wenn man einem Menschen begegnet, der so schwach ist, möchte man helfen. Man möchte nicht einfach wieder gehen und wissen, dass die Probleme weiter bestehen. Gleichzeitig muss ich ehrlich bleiben: Unsere naturheilkundlichen und therapeutischen Angebote können eine wichtige Ergänzung sein, aber sie ersetzen nicht die notwendige medizinische Behandlung schwerer internistischer Erkrankungen.
Genau deshalb müssen wir bei Naturheilpraxis ohne Grenzen weiterdenken. Wir brauchen Möglichkeiten, um Menschen auch bei der Finanzierung notwendiger Medikamente und geeigneter medizinischer Behandlungen zu unterstützen, wenn sie diese nicht selbst bezahlen können. Wir müssen nach verantwortungsvollen Kooperationen vor Ort suchen und Strukturen schaffen, die auch dann funktionieren, wenn ich wieder in Deutschland bin.
Wenn Würde an ganz alltäglichen Dingen hängt
Bei dieser Frau musste ich besonders darüber nachdenken, wie eng Gesundheit und Würde miteinander verbunden sind. Selbstständigkeit bedeutet nicht nur, eine schwere Erkrankung zu überleben. Es bedeutet auch, sich im eigenen Alltag möglichst sicher und selbstbestimmt bewegen zu können. Zur Toilette gehen, sich waschen, aufstehen, sich ausruhen oder nachts das Licht einschalten – all das sind grundlegende Bedürfnisse.
Wenn diese Dinge zu großen Herausforderungen werden, braucht ein Mensch Unterstützung. Nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich und organisatorisch. Vielleicht geht es um eine bessere Betreuung, um Hilfsmittel, um eine geeignete medizinische Versorgung oder um Menschen, die regelmäßig nach ihr sehen. Welche Hilfe konkret sinnvoll ist, muss im Einzelfall sorgfältig geprüft werden.
Aber eines wünsche ich mir sehr: Dass Menschen in solchen Situationen nicht das Gefühl bekommen, sie seien mit ihrer Erkrankung und ihren Sorgen allein gelassen. Dass wir ihre Bedürfnisse ernst nehmen und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, auch wenn wir nicht jede Schwierigkeit lösen können.
Warum unsere Arbeit in Kolkata weitergehen muss
Diese Hausbesuche zeigen mir immer wieder, dass unsere Arbeit mehr sein muss als ein zeitlich begrenzter Einsatz. Wenn ich nach vier Wochen wieder nach Deutschland zurückkehre, bleiben die Menschen hier. Ihre Erkrankungen bleiben, ihre finanziellen Sorgen bleiben und ihre täglichen Herausforderungen bleiben.
Deshalb möchte ich gemeinsam mit Priti, Abhijit und weiteren Menschen vor Ort daran arbeiten, langfristigere Unterstützungsmöglichkeiten aufzubauen. Wir brauchen finanzielle Mittel für notwendige Medikamente und medizinische Leistungen. Wir brauchen verlässliche Partner und Strukturen, die auch in meiner Abwesenheit funktionieren können. Und wir müssen immer wieder ehrlich prüfen, wo unsere Unterstützung sinnvoll und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann.
Ich weiß, dass wir nicht alles auffangen können. Ich weiß auch, dass nicht jede medizinische Behandlung durch Spenden finanziert werden kann und dass wir nicht für jede Erkrankung eine Lösung finden werden. Aber das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, nach Möglichkeiten zu suchen.
Denn wenn ich diese Frau in ihrem Bett sehe, denke ich nicht zuerst an ein abstraktes Problem des Gesundheitssystems. Ich sehe einen Menschen, der sehr schwach ist und dessen Alltag von einer schweren Erkrankung bestimmt wird. Einen Menschen, der Unterstützung benötigt und dessen finanzielle Möglichkeiten begrenzt sind.
Und ich wünsche mir, dass wir gemeinsam dazu beitragen können, dass notwendige Hilfe nicht allein daran scheitert, wie viel Geld jemand besitzt.
Gemeinsam helfen, wo Hilfe gebraucht wird
Naturheilpraxis ohne Grenzen e.V. möchte Menschen in Armut und Not unterstützen und gemeinsam mit Partnern vor Ort nach tragfähigen Möglichkeiten für medizinische Versorgung und Begleitung suchen. Gerade bei schweren chronischen Erkrankungen brauchen Menschen häufig mehr als eine einzelne Behandlung. Sie benötigen verlässliche Betreuung und Zugang zu geeigneten medizinischen Leistungen.
Wenn du unsere Arbeit unterstützen möchtest, hilfst du uns dabei, diese Möglichkeiten weiterzuentwickeln und Menschen in Kolkata nicht aus dem Blick zu verlieren.
Danke, dass du unsere Arbeit begleitest und mitträgst.