Bei Babi zu Hause

Bei Babi zu Hause

23. September 2026

Heute standen in Kolkata unsere Patientenbesuche auf dem Programm. Denn nicht alle Menschen, die wir in unserer Praxis behandeln, können selbst zu uns kommen. Manche sind körperlich eingeschränkt, andere schaffen den Weg aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen nicht. Deshalb gehen wir auch dorthin, wo unsere Patienten leben.

Heute haben wir unter anderem Babi besucht. Wir kennen ihn bereits seit unserem letzten Aufenthalt in Kolkata und versorgen ihn seitdem zweimal im Monat mit einer Essensration. Reis, Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch – Lebensmittel, die ihm helfen, sich selbst zu versorgen und, wenn es möglich ist, auch für sich zu kochen.

Babi ist ein sehr freundlicher und herzlicher Mann. Er hat eine Gehbehinderung, die ihm das Arbeiten und seinen Alltag erheblich erschwert. Trotzdem versucht er, so selbstständig wie möglich zu leben und seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Sein Zuhause ist ein kleiner Bretterverschlag. Ein Bett steht darin, dazu ein kleiner Schrank. Viel mehr gibt es nicht. Seine wenigen persönlichen Dinge liegen an der Wand gestapelt oder auf dem Boden. Das Dach ist undicht. Mit Plastikplanen hat Babi versucht, es notdürftig abzudichten. Bei Regen hilft das allerdings kaum. Wasser findet seinen Weg durch die Ritzen und tropft in den kleinen Raum. Eine Tür gibt es nicht. Nur einen Vorhang, der ein wenig Privatsphäre schafft.

Die Toilette befindet sich außerhalb und wird von der gesamten Straße gemeinsam genutzt. Fließendes Wasser gibt es nicht. Zum Wäschewaschen steht draußen ein Plastikeimer, in dem sich Regenwasser sammelt. Immerhin hat Babi elektrisches Licht. Es sind die kleinen Dinge, die man in einem solchen Zuhause plötzlich ganz anders wahrnimmt.

Und trotzdem: Als wir heute ankamen, hat Babi sich sehr gefreut, uns wiederzusehen.

Ein paar Rupien für einen langen Tag 

Babi versucht zu arbeiten, so gut es ihm möglich ist. In Kolkata werden viele Lasten mit Fahrrädern transportiert. Wenn diese schwer beladenen Fahrräder an Steigungen, beispielsweise an einer Brücke, nicht mehr weiterkommen, brauchen die Fahrer manchmal Unterstützung.

Babi hilft dann beim Schieben. Er steht an der Straße, mitten im Lärm, zwischen Abgasen und dem ununterbrochenen Verkehr. Wenn jemand seine Hilfe braucht, schiebt er mit. Dafür bekommt er ein paar Rupien. Manchmal ein oder zwei, manchmal etwas mehr. So versucht er, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Es ist keine einfache Arbeit. Und es ist kein Einkommen, auf das man sich verlassen kann. Aber Babi möchte arbeiten. Er möchte seinen eigenen Beitrag leisten und sein Leben so weit wie möglich selbst gestalten.

Das hat mich heute wieder sehr berührt.

Wenn ein Dach mehr bedeutet als nur ein Dach

Während wir bei Babi waren, haben wir auch über sein undichtes Dach gesprochen. Denn was nützt ein Bett, wenn es bei Regen nass wird? Wie soll man sich in einem kleinen Raum wohlfühlen, wenn man jederzeit damit rechnen muss, dass Wasser durch die Decke tropft?

Wir haben Markus gefragt, ob er sich um die Reparatur kümmern kann. Und Markus wird das Dach reparieren.

Für unser Praxisbudget ist das eine größere Ausgabe. Gerade deshalb sind wir sehr dankbar, dass Markus diese Aufgabe übernimmt. Denn für Babi bedeutet ein dichtes Dach nicht einfach nur eine bauliche Verbesserung. Es bedeutet, dass er in seinem Zuhause zumindest vor dem Regen geschützt ist. Dass sein Bett trocken bleibt. Dass er einen Ort hat, an dem er sich zurückziehen kann.

Manchmal sind es genau diese Dinge, die einen entscheidenden Unterschied machen.

Die Würde im Kleinen bewahren

Was mich an Babi besonders bewegt, ist seine Art. Er ist ein bescheidener, freundlicher Mann. Trotz seiner schwierigen Lebenssituation begegnet er uns mit einem Lächeln und einer großen Herzlichkeit. Er beschwert sich nicht ständig über das, was ihm fehlt. Er versucht, mit dem zurechtzukommen, was ihm zur Verfügung steht.

Das bedeutet nicht, dass sein Leben einfach wäre. Und es bedeutet auch nicht, dass Armut weniger belastend ist, nur weil ein Mensch sein Lächeln bewahrt.

Aber es zeigt, wie viel Persönlichkeit, Selbstständigkeit und Würde in einem Menschen liegen können – auch wenn die äußeren Lebensbedingungen kaum Raum dafür lassen.

Ich möchte Babi nicht auf seine Armut oder seine Behinderung reduzieren. Er ist nicht nur ein Mensch, der Hilfe braucht. Er ist ein Mensch mit eigenen Wünschen, mit seiner Geschichte, mit seiner Arbeit und mit dem Wunsch, sein Leben selbst zu gestalten.

Und genau deshalb sind unsere Begegnungen mit ihm so besonders. 

Wir kommen nicht nur, um Lebensmittel zu bringen oder eine Behandlung anzubieten. Wir kommen auch, um Zeit miteinander zu verbringen, nachzufragen, wie es ihm geht, und ihm zu zeigen: Du bist nicht vergessen.