Die Patienten, die uns etwas zurückgeben wollen
Manchmal ist Annehmen genauso wichtig wie Geben.
18. September 2026
Manchmal kommen Patientinnen und Patienten zu uns und haben etwas dabei. Eine Tafel Schokolade. Eine Blume. Einen selbst gebackenen Kuchen. Eine Weihnachtskarte oder einen kleinen Zettel, auf dem ein paar handgeschriebene Worte stehen. Manchmal ist es auch gar nichts Materielles, sondern einfach ein besonders herzliches „Danke“, das jemand zum wiederholten Mal ausspricht.
Und jedes Mal berührt mich das. Denn die Menschen, die zu uns kommen, leben in Armut und Not. Viele von ihnen haben selbst kaum etwas und müssen mit sehr wenig auskommen. Manchmal wissen wir nicht einmal genau, woher das kleine Geschenk kommt. Vielleicht wurde die Schokolade selbst irgendwo verteilt, vielleicht war die Blume nur ein einzelner Zweig, den jemand bekommen oder sich irgendwo gepflückt hat. Aber eigentlich spielt das auch gar keine Rolle. Denn es geht nicht um den Wert dessen, was uns jemand mitbringt.Es geht darum, dass dieser Mensch uns etwas geben möchte.
Ich erinnere mich an Patientinnen und Patienten, die für uns gekocht haben. An Weihnachtskarten, die mit viel Liebe geschrieben wurden, obwohl vielleicht das Geld für vieles andere im Leben kaum reicht. Und manchmal bekommen wir einfach einen kleinen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem nur ein paar Worte stehen. Doch wenn man sie liest, merkt man sofort, wie viel Dankbarkeit darin steckt. Diese kleinen Zettel bewahren wir auf.
Vielleicht steckt hinter diesem Wunsch, etwas zurückzugeben, ein Bedürfnis, das wir leicht übersehen. Wer Hilfe bekommt, ist zunächst derjenige, der empfängt. Und das kann sich manchmal ungewohnt oder sogar unangenehm anfühlen. Besonders dann, wenn man über längere Zeit auf Unterstützung angewiesen ist und immer wieder erlebt, dass andere etwas für einen tun.
Vielleicht möchte man irgendwann nicht mehr nur derjenige sein, der etwas bekommt. Vielleicht möchte man auch einmal etwas geben.
Nicht, weil damit eine Schuld beglichen werden soll und auch nicht, weil unsere Hilfe etwas zurückbekommen müsste. Unsere Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten ehrenamtlich, und wir erwarten von unseren Patientinnen und Patienten selbstverständlich keine Gegenleistung.
Aber vielleicht bedeutet Geben für einen Menschen etwas ganz Wichtiges: Ich kann auch etwas beitragen. Ich kann auch jemandem eine Freude machen. Ich kann auch einmal derjenige sein, der etwas schenkt. Und genau deshalb versuchen wir, diese Geschenke anzunehmen.Auch wenn wir vielleicht denken: „Du musst uns doch wirklich nichts schenken.“
Denn vielleicht wäre es genau in diesem Moment falsch, das Geschenk abzulehnen.
Vielleicht ist Augenhöhe nämlich nicht nur, Hilfe anbieten zu dürfen. Vielleicht bedeutet Augenhöhe auch, geben zu dürfen.
Ein Mensch ist nicht nur jemand, dem geholfen wird. Er hat genauso etwas zu geben – seine Zeit, seine Worte, seine Dankbarkeit, seine Aufmerksamkeit oder eben eine kleine Tafel Schokolade. Und manchmal denke ich, dass wir mit dem Annehmen dieser kleinen Geschenke vielleicht genauso viel zurückbekommen, wie wir geben.
Vielleicht ist das auch eine Form von Begegnung auf Augenhöhe: Du brauchst etwas von mir, und ich darf etwas von dir annehmen. Nicht, weil wir damit eine Rechnung ausgleichen, sondern weil wir uns als Menschen begegnen.Und so kommt es, dass manchmal ein Mensch, der selbst fast nichts besitzt, mit einer kleinen Geste etwas in unsere Praxis bringt, das man nicht kaufen kann. Dankbarkeit. Nähe. Wertschätzung.
Vielleicht ist das größte Geschenk, das wir annehmen können, manchmal genau dieses kleine Geschenk eines Menschen, der für einen Moment nicht derjenige sein möchte, der Hilfe bekommt, sondern selbst der Gebende sein darf. 🧡