Im Tunnel von Kolkata – zwischen schwarzem Wasser und warmem Chai

Im Tunnel von Kolkata – zwischen schwarzem Wasser und warmem Chai

28. September 2026

Ich war heute zum zweiten Mal bei den Menschen, die im Tunnel von Kolkata leben. Und auch beim zweiten Besuch musste ich erst einmal tief durchatmen. Hier gibt es kein elektrisches Licht, keine Toiletten und keine eigene Wasserversorgung. Die Menschen holen ihr Wasser an öffentlichen Wasserhähnen und müssen für ihre tägliche Notdurft irgendwie andere Lösungen finden. In der Mitte des Tunnels sammelt sich der Abfall: Gemüse- und Obstreste, Blumen, Haushaltsmüll und auch die Hinterlassenschaften der Tiere. Der Geruch ist entsprechend intensiv.

Heute war die Situation noch schwieriger. Nach den starken Regenfällen war der gesamte Tunnel überflutet. Das Wasser stand uns bis zu den Waden. Schwarz, trüb und mit einem Geruch, der stark an Gülle erinnerte. Die Menschen hatten sich deshalb an die höher gelegenen Seiten des Tunnels zurückgezogen. Dort standen ihre kleinen Verkaufsstände. Manche hatten eine kleine Gaslampe, die ein wenig Licht spendete. Ich ging langsam durch das Wasser und begann, mit einigen Menschen Kontakt aufzunehmen. Ein Lächeln, ein Gruß, eine kurze Vorstellung. Mehr braucht es manchmal gar nicht für einen ersten Anfang.

Hinter dem Tunnel beginnt ein etwas größerer Bereich, in dem vor allem Lkw-Fahrer leben und arbeiten. Männer, die aus ihrer Heimat nach Kolkata kommen, hier zwei oder drei Monate mit ihren Lastwagen arbeiten und anschließend wieder zurückfahren. Fast ausschließlich Männer sind hier unterwegs. Nur zwei Frauen habe ich heute mit kleinen Verkaufsständen gesehen. Als Frau achte ich deshalb natürlich auch auf meine Sicherheit. Gleichzeitig möchte ich nicht mit einer Haltung der Angst in diese Begegnungen gehen. Ich möchte den Menschen offen begegnen und trotzdem klare Grenzen setzen.

Und dann wurde der Regen immer stärker. Eine Gruppe von Männern sprach mich an und bot mir zunächst einen Regenschirm an. Als das nicht mehr reichte, winkten sie mich unter ihren kleinen Stand. Und plötzlich stand ich mitten unter ihnen. Wir tranken gemeinsam Chai. Sie zeigten mir, wie sie am Morgen ihre Roti backen, und erklärten mir, welches Gemüse sie dazu essen würden. Ganz selbstverständlich teilten sie ein kleines Stück ihres Alltags mit mir.

Und wir unterhielten uns auf Hindi. Mein Hindi reicht noch lange nicht für jedes Gespräch. Vieles verstehe ich noch nicht und manchmal muss Google Translate helfen. Aber ich kann antworten. Und genau das macht inzwischen einen riesigen Unterschied. Ich erzählte ihnen, dass ich als Therapeutin hier in Kolkata arbeite und Wund- und Schmerztherapie anbiete. Das machte sie neugierig. Was wohl in meinem großen Rucksack steckt? Also wurde ausgepackt. Und irgendwann lernte die Massage Gun ihren ersten Einsatz im Tunnel kennen. Ein bisschen Schulter- und Nackenmassage – und die Männer genossen es sichtlich. Wir haben gelacht, uns gegenseitig Dinge gezeigt und einfach ein paar schöne Minuten miteinander verbracht. Mitten in Kolkata. Unter einem kleinen Verkaufsstand. Während draußen der Regen vom Himmel fiel.

Genau dafür bin ich hier. Nicht nur, um Wunden zu versorgen. Nicht nur, um Schmerzen zu behandeln. Sondern auch, um Menschen kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und zuzuhören. Und vielleicht irgendwann helfen zu können, wenn jemand meine Unterstützung braucht. Ich möchte natürlich auch schauen, ob sich aus diesen Begegnungen Patienten entwickeln, denen ich mit meiner therapeutischen Arbeit etwas Gutes tun kann. Aber das braucht Zeit. Und Vertrauen.

Deshalb werde ich am Montag wiederkommen. Vielleicht treffe ich einige der Männer wieder. Vielleicht lerne ich weitere Menschen kennen. Vielleicht kommt irgendwann jemand mit einer Wunde, Rückenschmerzen oder anderen Beschwerden zu mir. Und vielleicht entsteht aus einem gemeinsamen Chai genau das, was für meine Arbeit hier so wichtig ist:

eine Verbindung von Mensch zu Mensch.