Manchmal kommt die Scham mit zur Behandlung.

Hilfe zu brauchen, macht niemanden weniger wert.

18. September 2026

Sie steht nicht auf dem Anmeldebogen und sie ist keine Diagnose. Und trotzdem sitzt sie manchmal mit im Raum.

Man merkt sie vielleicht daran, dass jemand beim Sprechen die Hand vor den Mund hält, weil die Zähne fehlen. Oder daran, dass sich jemand dafür entschuldigt, dass die Kleidung nicht sauber ist. Manchmal sagt jemand ganz leise, dass das Geld für ein Medikament gerade nicht reicht. Oder jemand fragt dreimal nach, weil er etwas nicht verstanden hat, und entschuldigt sich anschließend dafür.

Und manchmal sitzt einfach ein Mensch vor uns, dem man anmerkt, wie schwer es ihm fällt, überhaupt Hilfe anzunehmen.

Gerade bei Menschen, die auf der Straße leben, begegnet uns Scham immer wieder. Aber sie ist nicht nur dort zu finden. Armut hat viele Gesichter und Not auch. Und nicht immer sieht man einem Menschen an, wie viel Überwindung es ihn gekostet hat, überhaupt durch unsere Tür zu kommen.

Manche Menschen schämen sich dafür, dass sie auf kostenlose Hilfe angewiesen sind. Sie möchten erklären, warum sie gerade nicht selbst bezahlen können, warum das Geld nicht reicht oder warum ihr Leben so geworden ist, wie es im Moment ist. Sie haben das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, obwohl sie eigentlich einfach nur Hilfe brauchen.

Und manchmal möchte ich dann einfach sagen: Du musst dich hier nicht erklären. Du musst uns nicht beweisen, dass du unsere Hilfe brauchst. Du musst dich nicht rechtfertigen und du musst dich schon gar nicht dafür schämen, dass du gerade einen Menschen brauchst, der dir hilft.

Vielleicht können wir einem Menschen seine Scham nicht einfach nehmen. Aber wir können sehr vorsichtig mit ihr umgehen – mit unseren Worten, mit unseren Blicken und mit den Fragen, die wir stellen.

Wir können darauf achten, einen Menschen nicht auf das zu reduzieren, was gerade fehlt. Nicht auf schlechte Zähne, nicht auf ungewaschene Kleidung und nicht auf eine leere Geldbörse. Nicht darauf, was jemand nicht weiß oder vielleicht nicht verstanden hat, und auch nicht auf die Umstände, die ihn zu uns geführt haben.

Denn vor uns sitzt kein Mensch, der sich für seine Not rechtfertigen muss. Vor uns sitzt ein Mensch. Mit seiner Geschichte, mit seinen Erfahrungen, mit seiner Würde und vielleicht auch mit einer Scham, von der wir gar nichts wissen.

Deshalb wünsche ich mir, dass unsere Praxen Orte sind, an denen niemand das Gefühl haben muss, sich kleiner machen zu müssen, um Hilfe zu bekommen. Orte, an denen es keine Schwäche ist, Unterstützung anzunehmen, sondern einfach ein menschlicher Moment sein darf.

Denn wir alle brauchen irgendwann einmal jemanden, der uns hilft. Vielleicht ist es nur für einen Moment. Vielleicht ist es für eine längere Zeit. Vielleicht sieht man es von außen überhaupt nicht. Aber Hilfe zu brauchen, macht einen Menschen nicht weniger wert. Und genau das möchte ich jedem Menschen, der zu uns kommt, vermitteln:

Du bist hier nicht weniger wert, weil du Hilfe brauchst.

Du bist willkommen.

Einfach so. 🧡