Müllberg Kolkata
Der Müllberg von Kolkata und die Menschen, die ich nicht vergessen möchte
11. Oktober 2026
Der Weg führt über Müll. Überall liegen Plastiktüten, Verpackungen, Stoffreste und Abfälle, zwischen denen Menschen nach Dingen suchen, die sich noch verwerten oder verkaufen lassen. Je weiter ich gehe, desto deutlicher wird mir, wie eng hier das Leben der Menschen mit dem Müll verbunden ist. Denn sie leben von dem, was andere wegwerfen.
Ihre Hütten bestehen aus Wellblech, Plastikplanen und allem, was sich irgendwie zum Bauen verwenden lässt. Es gibt eine gemeinsame Waschstelle für die Menschen, die hier leben. Zwischen den Hütten bewegen sich Schweine, Ziegen und Hunde. Der Müllberg ist Lebensraum, Arbeitsplatz und Zuhause zugleich.
Hier leben Menschen, die am äußersten Rand der Gesellschaft stehen. Ihr Alltag ist geprägt von Armut und der täglichen Suche nach Dingen, die ihnen das Überleben sichern. Als ich diesen Ort zum ersten Mal besuche, spüre ich schnell, wie schwierig es ist, Zugang zu den Menschen zu finden. Sie begegnen mir mit großer Zurückhaltung und Misstrauen. Warum sollte jemand von weit her ausgerechnet zu ihnen kommen, um ihnen zu helfen? Einfach so, ohne etwas dafür zu verlangen?
Diese Frage kann ich gut verstehen. Vertrauen entsteht schließlich nicht allein dadurch, dass jemand Hilfe anbietet. Es braucht Zeit, Verlässlichkeit und Begegnungen, bei denen die Menschen selbst entscheiden dürfen, wie viel Nähe sie zulassen möchten.
Deshalb freue ich mich über jeden kleinen Schritt, der hier gelingt. Einige Menschen lassen sich inzwischen von mir behandeln. Ich kümmere mich um Wunden und um Patienten, die unter Schmerzen leiden. Besonders die Wundversorgung zeigt mir, wie wichtig es ist, auch an diesem Ort therapeutische Hilfe anzubieten. Für mich sind es einzelne Behandlungen. Für die Menschen hier bedeutet es vielleicht eine Möglichkeit, Beschwerden versorgen zu lassen, mit denen sie sonst allein bleiben.
Was mich bei meinen Besuchen besonders beschäftigt, ist die Stimmung auf dem Müllberg. Die Menschen wirken verschlossen, auch die Kinder. Es ist still auf eine Weise, die ich an diesem Ort nicht erwartet habe. Ich höre kaum fröhliches Kinderspielen oder Lachen. Viele bleiben lieber auf Abstand und beobachten mich zunächst aus der Ferne.
Ich möchte diese Menschen kennenlernen, ohne sie zu bedrängen. Ich möchte ihnen zeigen, dass ich wiederkomme, dass ich mir Zeit nehme und dass sie selbst entscheiden können, ob sie meine Hilfe annehmen möchten. Gerade hier braucht es Geduld. Vielleicht muss ich erst viele Male kommen, bevor aus vorsichtigen Blicken ein Gespräch und aus einem Gespräch echtes Vertrauen wird.
Für mich ist klar, dass ich diesen Weg weitergehen möchte. Bei meinem nächsten Aufenthalt in Kolkata werde ich wieder den Müllberg besuchen und versuchen, den Kontakt zu den Menschen zu vertiefen. Ich möchte weitere Behandlungen anbieten und vor allem zeigen, dass sie nicht vergessen sind.
Denn auch diese Menschen gehören zu Kolkata. Sie haben Schmerzen, sie werden krank, sie brauchen Versorgung und Zuwendung. Ihre Lebensumstände machen es ihnen besonders schwer, Unterstützung zu bekommen. Umso wichtiger ist es mir, auch dort präsent zu sein, wo Hilfe nur schwer ankommt und Vertrauen erst wachsen muss.
Ich weiß, dass ich mit meinen Möglichkeiten nur einen kleinen Beitrag leisten kann. Aber ich kann wiederkommen, mich um Schmerzen und Wunden kümmern und vor allem Menschen begegnen, die es gewohnt sind, übersehen zu werden.
Mein Herz gehört auch diesen Menschen. Und ich hoffe, dass aus den ersten vorsichtigen Begegnungen mit der Zeit etwas entstehen darf, das trägt: Vertrauen. Schritt für Schritt, Besuch für Besuch.
Denn manchmal beginnt Hilfe genau dort, wo ein Mensch spürt, dass jemand wirklich wiederkommt.