Raus, raus, verschwinde!

Er wollte nur einen geschützten Platz zum Schlafen. Was dann geschah, hat mir gezeigt, was Menschlichkeit bedeutet. 🧡

18. September 2026

Dieser Satz geht mir seit einer Begegnung mit einem älteren Mann nicht mehr aus dem Kopf.

Vielleicht kennst du ihn noch nicht. Vielleicht hast du aber auch schon einmal von ihm gelesen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang gearbeitet hat und durch mehrere Schicksalsschläge irgendwann alles verloren hat. Am Ende blieb ihm nur noch die Straße.

Irgendjemand hatte ihm heimlich erlaubt, auf einer alten Matratze auf einem Dachboden zu schlafen. Es war kein Zuhause und sicher auch kein schöner Ort, aber es war ein kleiner, geschützter Platz, an dem er wenigstens für ein paar Stunden zur Ruhe kommen konnte. Ein bisschen Wärme, ein bisschen Ruhe und ein bisschen Sicherheit – Dinge, die für viele von uns selbstverständlich sind, für einen Menschen auf der Straße aber unglaublich wertvoll sein können.

Dann wurde er entdeckt und bekam zu hören: „Raus, raus, verschwinde!“

Und so stand dieser alte Mann wieder auf der Straße. Wie ein getretener Hund. Dabei hatte er nichts getan. Er wollte einfach nur irgendwo schlafen.

Natürlich kann nicht jeder Mensch, der einem obdachlosen Menschen begegnet, dessen Leben verändern. Niemand kann erwarten, dass ein Fremder plötzlich eine Wohnung findet, Schicksalsschläge rückgängig macht oder ein ganzes Leben wieder in Ordnung bringt. Aber ich glaube, dass wir etwas anderes immer können: einen Menschen menschlich behandeln.

Bei einer unserer Begegnungen mit ihm bemerkten wir etwas, das uns zutiefst erschreckt hat. Schon länger hatten wir den Verdacht, dass er sich auf der alten Matratze Kleiderläuse eingefangen haben könnte. Nun sahen wir sie tatsächlich – auf seiner Kleidung, auf der Unterwäsche und auf seinem Körper. Und darunter sahen wir einen völlig abgemagerten Körper, übersät mit Bissspuren und kleinen Wunden. Er hatte sich teilweise so stark gekratzt, dass alles blutig war.

Dieses Bild hat mich tief getroffen. Gleichzeitig mussten wir natürlich auch an die Hygiene in unserem NaMo – NaturheilMobil denken. Wir wollten ihm helfen, mussten aber genauso darauf achten, dass die Behandlung für alle Beteiligten sicher bleibt.

Also baten wir unsere Kooperationspartner, eine große Essensausgabe, um Unterstützung. Und dann geschah etwas, das mich wiederum sehr berührt hat: Es wurde nicht lange gefragt. Niemand wollte zuerst wissen, warum dieser Mann auf der Straße lebt oder ob er vielleicht selbst Schuld an seiner Situation ist. Es wurde einfach geholfen.

Warmes Wasser wurde gebracht, Seife, frische Handtücher und Kleidung. Ganz leise wurde geklopft – und plötzlich stand alles vor uns, was wir in diesem Moment so dringend brauchten.

Unser Patient war inzwischen so unglaublich dünn geworden, dass selbst wir keine passende Kleidung für ihn hatten. Doch auch dafür wurde sofort eine Lösung gefunden.

So sieht für mich Menschlichkeit aus.

Nicht wegzuschauen und nicht zu urteilen, sondern einen Menschen zu sehen, der Hilfe braucht. Natürlich konnten wir diesem Mann keine Wohnung geben. Wir konnten seine Schicksalsschläge nicht ungeschehen machen und wir konnten sein Leben nicht reparieren. Aber wir konnten ihn waschen, ihm saubere Kleidung geben, seine Wunden versorgen und ihm für einen Moment das Gefühl geben: Du bist nicht unsichtbar. Wir sehen dich.

Vielleicht ist genau das manchmal der erste Schritt zurück zu einem Stück Würde. Denn ein Mensch verliert seine Würde nicht dadurch, dass er auf der Straße lebt. Er wird nicht weniger wert, weil sein Leben irgendwann aus den Fugen geraten ist. Und er wird auch nicht weniger Mensch, nur weil wir seine Geschichte nicht kennen.

Wir können nicht jedes Leben retten und wir können nicht jedes Schicksal verändern. Aber wir können entscheiden, wie wir einem Menschen begegnen. Mit Abwehr, mit Verachtung – oder mit Menschlichkeit.Ich weiß, wofür ich mich entscheiden möchte.

Und deshalb bleibt für mich ein Satz, den ich gerne weitergeben möchte:

So geht man nicht mit Menschen um. 🧡