Wenn jeder Atemzug zur Anstrengung wird
Wenn jeder Atemzug zur Anstrengung wird
23. September 2026
Es gibt Begegnungen, die bleiben. Nicht nur für ein paar Stunden oder Tage, sondern tief im Herzen. Begegnungen, bei denen man nach Hause geht und sich fragt, wie ein Mensch unter solchen Bedingungen leben kann. Und was man selbst tun kann, wenn die eigenen Möglichkeiten nicht ausreichen.
Gestern war für mich ein solcher Tag. Gemeinsam mit Priti, Abhijit und mir haben wir Hausbesuche in einem Slum in Kolkata gemacht. Immer wieder erhalten wir Hinweise von Menschen aus der Nachbarschaft. Sie erzählen uns von Bewohnerinnen und Bewohnern, denen es gesundheitlich sehr schlecht geht und die gleichzeitig kaum finanzielle Möglichkeiten haben, sich selbst zu versorgen.
Diese Hinweise führen uns zu Menschen, die häufig nicht mehr selbstständig in eine Praxis kommen können. Menschen, die zu schwach sind, die im Bett liegen oder deren Erkrankungen eine regelmäßige medizinische Betreuung erfordern.
Gestern führte uns einer dieser Hinweise zu einem älteren Mann mit einer weit fortgeschrittenen COPD und zwei bereits erlittenen Herzinfarkte. Was wir dort vorgefunden haben, hat mich tief erschüttert.
Ein Mensch, der kaum noch Luft bekommt
Als wir das Zuhause des Mannes betraten, lag er in seinem Bett. Er war schwerst atmend, sehr abgemagert und körperlich offensichtlich stark geschwächt. Sein Blutdruck war sehr niedrig, sein Puls auffallend langsam. Die Atemprobleme waren deutlich.
Ich möchte die medizinischen Werte an dieser Stelle nicht überinterpretieren. Eine genaue Einschätzung des Zustands und der notwendigen Behandlung gehört in die Hände eines ärztlichen Teams. Aber was wir vor Ort erlebt haben, war für mich als Therapeutin sehr belastend.
Da lag ein Mensch, der offensichtlich schwer krank war. Ein Mensch, der Luft zum Atmen brauchte. Ein Mensch, dessen körperliche Kräfte bereits so stark eingeschränkt waren. Ind ich stand daneben und wusste: Mit meinen therapeutischen Fähigkeiten allein kann ich seine Situation nicht auffangen.
Wenn zur schweren Erkrankung noch ein Unfall kommt
Als wäre seine gesundheitliche Situation nicht schon belastend genug, hatte der Mann zusätzlich einen Verkehrsunfall erlitten.
Er war von einem Auto-Rickshaw angefahren worden und hatte sich dabei den Arm GEBROCHEN. Sein Arm wurde durch eine Bandage gehalten. Einen Gips hatte er nicht.
Ich kann aus diesem Besuch nicht beurteilen, welche Untersuchungen oder Behandlung zuvor erfolgt waren oder warum der Arm auf diese Weise versorgt wurde. Aber die Situation, in der wir ihn angetroffen haben, hat mir erneut gezeigt, wie viele Schwierigkeiten zusammenkommen können, wenn Menschen nur begrenzte Möglichkeiten haben, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Auch eine Wunde am Fuß hatte der MANN. Diese konnte ich vor Ort VERSORGEN. das ist der Moment, in dem ich meine Fähigkeiten einsetzen kann. Eine Wunde anschauen, sie fachgerecht versorgen, den Menschen ernst nehmen und ihm für diesen Augenblick Unterstützung geben.
Doch während ich mich um seinen Fuß kümmerte, war mir gleichzeitig bewusst, dass die Wundversorgung nur ein kleiner Teil dessen war, was dieser Mann eigentlich benötigte.
Seine schwere Atemwegserkrankung blieb bestehen. Seine körperliche Schwäche blieb bestehen.
Und die Frage nach einer weiterführenden medizinischen Versorgung stand weiterhin im Raum.
Medizinischer Fortschritt – aber nicht für alle erreichbar
Wenn wir in Deutschland über Indien sprechen, hören wir häufig von einem Land, das sich wirtschaftlich und technologisch beeindruckend entwickelt. Und das ist auch sichtbar. Kolkata ist eine große, lebendige Stadt mit medizinischen Einrichtungen, Universitäten und hochqualifizierten Fachkräften.
Doch zwischen den vorhandenen Möglichkeiten und dem Alltag der Menschen in Armut kann eine große Lücke liegen.
Denn dass medizinische Leistungen existieren, bedeutet nicht automatisch, dass jeder Mensch sie auch in Anspruch nehmen kann.
Die Menschen, die wir besuchen, verfügen nicht über die finanziellen Mittel, um sich in privaten Kliniken behandeln zu lassen. Sie sind auf die staatliche Gesundheitsversorgung angewiesen.
Dort werden Menschen untersucht und erhalten medizinische Verordnungen. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Versorgung.
Aber eine Verordnung allein bedeutet noch nicht, dass eine Behandlung auch tatsächlich stattfinden kann. Was nützt ein Medikament, wenn das Geld für den Kauf fehlt? Was nützt eine notwendige Therapie, wenn die Familie die Kosten nicht aufbringen kann? Was nützt eine medizinische Empfehlung, wenn es keine Möglichkeit gibt, sie im Alltag umzusetzen?
Diese Fragen beschäftigen mich besonders bei Menschen, die bereits mit schweren chronischen Erkrankungen leben.
Bei einer fortgeschrittenen COPD kann beispielsweise eine ärztlich verordnete Sauerstofftherapie für geeignete Patientinnen und Patienten eine wichtige Rolle spielen. Ob und in welcher Form ein Sauerstoffgerät in diesem konkreten Fall erforderlich wäre, muss medizinisch beurteilt werden.
Doch wenn eine solche Versorgung notwendig ist, stellt sich unmittelbar die Frage nach ihrer Finanzierung. Und genau dort stoßen viele Familien an ihre Grenzen.
Wenn die Kinder selbst nicht genug verdienen
Hinter jedem dieser Menschen steht eine FAMILIE. Und auch die Angehörigen leben häufig unter schwierigen finanziellen Bedingungen.
Die Kinder können ihre Eltern nicht immer so unterstützen, wie sie es gerne würden. Nicht unbedingt, weil sie sich nicht kümmern wollen. Sondern weil ihre eigenen Einkommen nicht ausreichen, um die Kosten für Medikamente, Untersuchungen, Hilfsmittel oder regelmäßige Behandlungen zu ÜBERNEHMEN. Das ist ein Unterschied, der mir wichtig ist.
Ich möchte nicht über Familien urteilen, die selbst kaum genug zum Leben haben. Wer täglich darum kämpfen muss, die eigene Familie zu ernähren, hat nicht automatisch die finanziellen Möglichkeiten, zusätzlich eine schwere chronische Erkrankung zu finanzieren.
Und so können Menschen in Situationen geraten, in denen medizinische Hilfe zwar grundsätzlich erreichbar ist, die langfristige Versorgung aber nicht gesichert werden kann.
Gerade bei einer Erkrankung wie COPD kann eine kontinuierliche ärztliche Begleitung und eine individuell angepasste Behandlung wichtig sein. Welche Möglichkeiten konkret bestehen, hängt von der Erkrankung, dem Gesundheitszustand und den lokalen Versorgungsangeboten ab.
Aber eines ist klar: Ein schwer kranker Mensch braucht mehr als einen einmaligen Kontakt mit dem Gesundheitssystem.
Er braucht eine Versorgung, die auch im Alltag tragfähig ist.
Was kann ich tun, wenn meine Therapie nicht ausreicht?
Das ist eine der schwierigsten Fragen, die ich mir bei meiner Arbeit in Kolkata immer wieder stelle.
Ich beherrsche Osteopathie und manuelle Therapien. Ich kann Menschen bei Schmerzen unterstützen, Wunden versorgen und versuchen, ihre Lebensqualität zu verbessern.
Aber ich kann eine weit fortgeschrittene COPD nicht mit meinen Händen behandeln.
Ich kann keine notwendige fachärztliche Versorgung ersetzen.
Und ich kann auch kein Sauerstoffgerät finanzieren, nur weil ich es dringend für einen Menschen wünschen würde.
Ich muss ehrlich bleiben. Gegenüber den Patientinnen und Patienten, gegenüber ihren Familien und auch gegenüber mir selbst.
Unsere Aufgabe bei Naturheilpraxis ohne Grenzen ist es nicht, so zu tun, als könnten wir jede Erkrankung lösen. Unsere Aufgabe ist es, dort zu helfen, wo unsere Fähigkeiten sinnvoll eingesetzt werden können – und gleichzeitig zu erkennen, wann andere medizinische Unterstützung notwendig ist.
Das bedeutet auch, dass wir unsere Arbeit weiterentwickeln müssen.
Warum wir in Kolkata Unterstützung brauchen
Vielleicht fragt sich der eine oder die andere: Warum kommt eine Therapeutin aus Deutschland nach Kolkata? Warum braucht es Spenden? Gibt es hier nicht Krankenhäuser und medizinische Versorgung?
Ja, es gibt medizinische Einrichtungen. Ja, es gibt qualifizierte Ärztinnen und Ärzte. Und ja, Indien verfügt über hochentwickelte medizinische Bereiche.
Aber die entscheidende Frage ist, ob Menschen in Armut Zugang zu der Versorgung haben, die sie tatsächlich benötigen und bezahlen können.
Bei unseren Hausbesuchen begegnen wir Menschen, die diese Möglichkeiten nicht ausreichend haben.
Und genau hier liegt ein Teil unserer Aufgabe. Wir möchten nicht nur für wenige Wochen im Jahr vor Ort sein und Menschen behandeln. Wir möchten langfristig dazu beitragen, dass notwendige medizinische Unterstützung auch dann erreichbar bleibt, wenn ich wieder in Deutschland bin.
Dafür brauchen wir finanzielle Mittel.
Für Medikamente, wenn diese medizinisch notwendig sind und die Patientinnen und Patienten sie nicht selbst finanzieren können.
Für die Vermittlung und Unterstützung geeigneter Behandlungen.
Für verlässliche Strukturen und Kooperationen mit Menschen vor Ort.
Und für eine Begleitung, die nicht nach meinem Rückflug endet.
Das ist ein großer Anspruch. Und wir wissen, dass wir nicht jede Not auffangen können.
Aber wir können versuchen, dort Verantwortung zu übernehmen, wo wir konkrete Möglichkeiten sehen.
Ein kleiner Schritt – und die große Frage danach
Als ich die Wunde am Fuß des Mannes versorgt hatte, war ein Teil unserer unmittelbaren Aufgabe getan.
Doch die Begegnung war damit für mich nicht ABGESCHLOSSEN. Ich nahm die Bilder mit. Den schwer atmenden Mann in seinem Bett. Seine körperliche Schwäche. Den gebrochenen Arm. Und das Wissen, dass eine einzelne Wundversorgung seine schwere gesundheitliche Situation nicht verändern kann.
Ich wünschte mir, wir könnten mehr TUN. Nicht aus dem Gedanken heraus, dass wir alles besser wissen oder dass wir von außen ein ganzes System beurteilen könnten.
Sondern aus der einfachen menschlichen Erfahrung heraus, dass es schwer ist, einen Menschen leiden zu sehen und zu wissen, dass notwendige Unterstützung möglicherweise an finanziellen Grenzen scheitert.
Diese Begegnungen zeigen mir, wie wichtig es ist, genau HINZUSEHEN. Nicht nur auf die Erkrankung.Sondern auf den Menschen, seine Familie, seine Lebensbedingungen und die Möglichkeiten, die ihm tatsächlich zur Verfügung stehen.
Wir möchten nicht wegsehen
Ich kann nicht versprechen, dass wir für jeden Menschen eine Lösung finden werden.
Ich kann nicht versprechen, dass jede notwendige Behandlung finanziert werden kann.
Und ich kann nicht versprechen, dass wir alle strukturellen Probleme lösen werden, die Menschen in Armut im Alltag begegnen.
Aber ich kann sagen, dass wir diese Menschen nicht einfach vergessen möchten, sobald unser Hausbesuch beendet ist.
Wir wollen prüfen, wo wir sinnvoll helfen können. Wir wollen nach Möglichkeiten suchen, medizinische Versorgung zu unterstützen. Und wir wollen langfristig Strukturen aufbauen, die auch dann tragen, wenn ich nicht vor Ort bin.
Dafür benötigen wir Menschen, die unsere Arbeit mittragen.
Menschen, die verstehen, dass eine Spende nicht nur eine einzelne Behandlung ermöglichen kann, sondern unter Umständen auch dazu beiträgt, dass notwendige Medikamente oder weitere medizinische Unterstützung erreichbar werden.
Denn manchmal beginnt Hilfe mit einer Wundversorgung. Aber sie darf dort nicht zwangsläufig enden, wenn ein Mensch viel mehr Unterstützung benötigt.
Naturheilpraxis ohne Grenzen e.V. – gemeinsam helfen
Unsere Hausbesuche in Kolkata zeigen uns immer wieder, wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtung der Menschen ist. Wir möchten dort unterstützen, wo wir gebraucht werden, und gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort nach tragfähigen Lösungen suchen.
Wenn du unsere Arbeit unterstützen möchtest, kannst du dazu beitragen, dass wir medizinische Hilfe auch für Menschen ermöglichen, die sie sich selbst nicht leisten können.
Jede Unterstützung hilft uns, unseren Weg weiterzugehen.
Von Herzen danke, dass du unsere Arbeit begleitest.